Das, was wir gerade mit dem Corona-Virus erleben, ruft auch die Frage nach Gott auf den Plan: Was kann man dazu als gläubiger Mensch sagen? Die Rabbinerin Danya Ruttenberg (Twitter:@TheRaDR) hat dazu einen wunderbaren Thread geschrieben, den ich für die, die nicht so gut Englisch können, hier übersetzen möchte. Ich nummeriere die einzelnen Tweets durch (im Original sind sie nicht nummeriert). Der Originaltweet ist jeweils unter der Nummer verlinkt.

1. Dies [die Corona-Virus-Pandemie] ist keine Strafe oder ein Test Gottes.
Ich habe ein paar mehr Überlegungen dazu angestellt, deshalb ein Thread. 1/x

2. #Covid_19 ist als Virus durch eine evolutionäre Entwicklung entstanden (dafür gibt es eine wissenschaftliche Begründung — das ist nicht mein Fachgebiet). Der „Test“ bezog sich auf Leitung — die an der Spitze der USA versagte, aber sich machtvoll an vielen Orten der USA zeigte, auf der lokalen und der bundesstaatlichen Ebene.

3. Die Rolle, die Gott dabei spielt, besteht darin, wie wir ab jetzt handeln wollen. Die Tora gebietet uns, unseren Nächsten wie uns selbst zu lieben. Im Augenblick scheint es für diejenigen von uns, die ein geringeres Risiko haben, sich zu infizieren, darum zu gehen, penibel darauf zu achten, sich nicht anzustecken, um andere nicht zu gefährden.

4. Die Rolle, die Gott dabei spielt, besteht darin, dass wir uns um diejenigen kümmern, die verwundbarer sind, indem wir anbieten, Besorgungen für sie zu erledigen oder eine Mahlzeit vorbeibringen – darin, wie wir uns einander in einem Zeitraum zuwenden, in dem alles anstrengend und beängstigend erscheint.

5. Die Rolle, die Gott dabei spielt, besteht in unserer Einsicht, dass wir alle miteinander verbunden sind, und dass jede* von uns eine unersetzbare Offenbarung des Bildes Gottes ist. Und sie besteht in unserer Entscheidung, füreinander zu kämpfen – zur Zeit, indem wir zuhause bleiben, uns nicht umarmen, unsere Hände waschen, aber auch, indem wir unsere Abgeordneten in die Pflicht nehmen.

6. Und darin, alles zu tun, um zu versuchen, die Auswirkungen dieser Pandemie abzumildern, auf der persönlichen Ebene, der familiären, der Ebene der Gemeinde, des Systems. Alle fassen mit an. Die Rolle, die Gott dabei spielt, besteht darin, dass man zur Stelle ist.

7. Die Rolle, die Gott dabei spielt, besteht im Anzapfen des Göttlichen, im Andocken an diese großartige, schimmernde Verbundenheit, im Schöpfen von der Quelle statt aus unseren kleinen, einzelnen Ichs, im [Kraft vom Himmel] Herunterziehen statt im Ausbrennen. Darin, die Quelle zu finden, die uns Kraft gibt; wir brauchen sie so dringend.

8. Die Rolle, die Gott dabei spielt, besteht in den Traditionen und ethischen Systemen, die uns daran erinnern, dass der Schutz des Lebens das wichtigste ist, das alle anderen Entscheidungen zur Seite fegt, die wir treffen könnten. Die uns helfen, unsere Entscheidungen auf Fürsorge, Betroffenheit und Verbundenheit auszurichten.

9. Die Rolle, die Gott dabei spielt, besteht in den Menschen, die unermüdlich, selbstlos und manchmal rund um die Uhr arbeiten, um andere zu versorgen, sogar auf eigenes Risiko, weil kranke Menschen zu pflegen, bessere Tests zu entwickeln, Impfstoffe zu finden sind, und weil es getan werden muss.

10. Die Rolle, die Gott dabei spielt, besteht darin, wie wir uns treffen (ok, besser über eine Videokonferenz), um einen Ausweg aus dieser Lage zu finden, weil wir ihn finden müssen, auch wenn es schwierig ist, gerade wenn es schwierig ist.

11. Hier ein paar Gedanken zur Theodizee, wenn ihr dazu etwas wissen wollt.
Ich interessiere mich weniger dafür, woher das Leid kommt, sondern was tun wir, wenn es uneingeladen vor unserer Tür steht.
Auf welche Reserven können wir zurückgreifen? Resilienz (Widerstandsfähigkeit)? Fürsorge und Liebe und Mut und Risikobereitschaft?

[Diesen Thread übersetze ich hier nicht]

12. Und falls es hilft, hier ein paar Gedanken zur Hoffnung, an der wir weiter festhalten müssen. Halte fest an diesem Licht und lass es nicht los. Was nicht heißt, alles wird gut, oder dass keine Menschen sterben. Es bedeutet: Kämpft gegen die Verzweiflung an.

[Diesen Thread übersetze ich hier auch nicht]

Kirchliche Strukturdebatten sind toll. Weil da jede mitreden kann. Denn alles, was man zum Mitreden braucht, ist eine Meinung – und die hat sich jede im Erleiden oder im „Schaffen“ von Strukturen gebildet.
Kirchliche Strukturdebatten sind deshalb toll, weil man dabei so schön seinen Frust über „die da oben“ ablassen und über deren total falsche Entscheidungen lästern kann – wie ich heute in einem Tweet:

An diesem Tweet kann man schön die Charakteristika des „Strukturdebatten-bashings“ studieren: Verallgemeinerung („Kirchenleitungen“, „irgendwas“), Ungeduld („endlich“) und Besserwisserei („reine Beschäftigungstherapie“).

Ich habe diesen Tweet aber nicht aus pädagogischen Motiven geschrieben, sondern weil ich eben auch nicht „besser“ bin als all die anderen kirchlichen Mitarbeiterinnen, die sich von der Aufgabe, den Mangel zu verwalten und möglichst noch zu gestalten, überfordert fühlen. Dabei beobachte ich an mir selbst eine gewisse Schizophrenie: Ich erwarte von den Leitungsorganen innerhalb der Kirche, dass sie Konzepte zum Umgang mit der Situation finden, zugleich lehne ich sie ab wie im Tweet oben. Das bringt mich auf den Gedanken, ob hinter dem gegenwärtigen Leiden an Strukturdebatten und -veränderungen nicht etwas anderes und uns wohl bekanntes steht: Die menschliche Hybris.

Noch immer erwarten wir von Kirchenleitungen auf allen Ebenen – und, sofern wir als kirchliche Mitarbeiterinnen in Leitungsgremien sitzen oder Leitungsaufgaben wahrnehmen, auch von uns – dass sie „wissen, wo’s langgeht“, getreu dem Choral: „Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl“*. Und genau hier ist der Irrtum passiert, wie er am Zitat des Chorals deutlich wird. Das „Du“ ist ja nicht die Superintendentin oder die Bischöfin, das bin auch nicht ich als Pfarrerin, sondern es ist ja Gott, der in diesem Choral angeredet wird. Und es ist das Kennzeichen menschlicher Hybris, immer wieder Gelegenheit zu suchen, sich an Gottes Stelle zu setzen.

Aber „man“ fühlt sich eben doch angesprochen, wenn jemand nach dem Weg fragt. Und wenn man auch keine Ahnung hat, so hat man doch zumindest eine Meinung (s.o.), und genau das ist ein Element der Perpetuierung der Strukturdebatte. Ein anderes ist, dass eigentlich niemandem klar ist, wo es langgehen soll. Hier versteckt sich die nächste Gelegenheit zur Hybris: Über den Weg entscheiden, das Ziel bestimmen: Das macht die Anführerin. Und so schauen wir auf die Bischöfin, die Superintendentin oder werden als kirchliche Mitarbeiterin angeschaut: Wo soll es denn nun hingehen? Aber das „wandernde Gottesvolk“ weiß nichts von einem Ziel – außer jenem fernen, dessen man sich im „Maranatha!“ versichert: dem Reich Gottes. Den Weg dahin zu führen ist Menschen weder vergönnt noch bestimmt. So kann man unsere Lage wohl mit der des Volkes Israel in der Zeit der Wüstenwanderung vergleichen. Und vielleicht gilt auch uns das Verdikt, das über das Gottesvolk damals ausgesprochen wurde: „Sie sollen nicht hineinkommen“ (Dtn 1,35)**. Wir richten uns in unserer Kirche, unseren Gemeinden häuslich ein, dabei sind sie doch nur eine Hülle, sollen uns, die wir auf dem Weg sind, ein „leichtes Zelt“ (EG 428,4) sein, keine permanenten und bis in alle Ewigkeit zu perpetuierenden Strukuren (!). Und das Goldene Kalb, um das wir heute tanzen, könnten eben besagte Strukturreformen sein, und unser Massa und Meriba das unaufhörliche Murren über unzumutbare Arbeitsbedingungen, undankbare Gemeinden, unfähige kirchliche Mitarbeiterinnen etc.

Vielleicht wäre es deshalb angebracht, Buße zu tun. Und statt des nächsten Strukturpapiers wäre vielleicht ein Bußwort am Platze, in dem Leitende eingestehen***, dass sie auch nicht wissen, wo es langgeht; dass sie den Druck empfinden, unter dem ihre Mitarbeitenden stehen, aber auch nicht wissen, wie sie ihn von ihnen nehmen sollen; dass wir alle lernen müssen, darauf zu vertrauen, dass der Herr der Kirche weiß, wohin er mit uns will, auch – oder gerade? – wenn die gewohnten Strukturen nicht mehr zu erhalten sind.

 


*) Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Es ist wahrscheinlich kein Verlust, dass dieser Choral Hedwig von Rederns es nicht in den Stammteil des EG geschafft hat. Im Bayerischen EKG ist er im Gebetsteil mit der Entstehungszeit „1915“ und einer rührenden Anekdote aufgeführt; die Braunschweigische Landeskirche hat ihn unter der Nr. 591 in den Regionalteil aufgenommen, weil er in Braunschweig gern auf Beerdigungen gesungen wurde (hier ist als Entstehungsjahr 1901 genannt).

**) Ja, hier deutet das deuteronomistische Geschichtswerk Geschichte, die vielleicht nur als Geschichte existiert. Aber was ist unser Umgang mit der Bibel anderes als Deutung unserer (Lebens-)Geschichte mit Geschichten, die vielleicht nur als Geschichten existieren.

***) Die kirchliche Spielart menschlicher Hybris macht sich besonders daran fest, dass Leitungspersonen niemals Schwäche(n) zeigen dürfen. Man stelle sich eine Kandidatin für das Amt der Superintendentin vor, die öffentlich bekennt, an Depressionen zu leiden oder einen Burnout gehabt zu haben; eine Kirchenrätin, die ihre Ratlosigkeit oder ihre Inkompetenz in einem bestimmten Fachgebiet eingesteht. Dabei sollte das gerade in der Kirche selbstverständlich sein – ja, m.E. sollte es zu einer Voraussetzung eines Leitungsamtes in der Kirche gehören, sich über die eigenen Grenzen im klaren zu sein. Unseren Bischöfinnen würde eine Hofnärrin gut tun, die ihnen den Spiegel vorhält, oder, besser noch, einer jener Sklaven, der hinter dem Triumphator auf dem Triumphwagen stand und ihm ununterbrochen sagte: „Respice post te, hominem te esse memento“.

Versuch, den Predigttext für den Sonntag Jubilate, 2.Korinther 4,16-18, mit Hilfe der „Laws of Form“ zu analysieren (so gut ich es eben verstehe).

Der griechische Text:
Διὸ οὐκ ἐγκακοῦμεν, ἀλλ’
εἰ καὶ ὁ ἔξω ἡμῶν ἄνθρωπος διαφθείρεται,
ἀλλ’ ὁ ἔσω ἡμῶν ἀνακαινοῦται ἡμέρᾳ καὶ ἡμέρᾳ.
τὸ γὰρ παραυτίκα ἐλαφρὸν τῆς θλίψεως ἡμῶν
καθ’ ὑπερβολὴν εἰς ὑπερβολὴν αἰώνιον βάρος δόξης κατεργάζεται ἡμῖν,
μὴ σκοπούντων ἡμῶν τὰ βλεπόμενα
ἀλλὰ τὰ μὴ βλεπόμενα·
τὰ γὰρ βλεπόμενα πρόσκαιρα,
τὰ δὲ μὴ βλεπόμενα αἰώνια.

Übersetzung:
Darum werden wir nicht müde, sondern,
wenn auch unser äußerer Mensch zugrunde geht,
wird unser inner doch täglich erneuert.
Denn die leichte Last unserer gegenwärtigen Probleme
wirkt für uns eine übermäßige Fülle ewiger Herrlichkeit,
die wir nicht achten auf das Sichtbare,
sondern auf das, was man nicht sehen kann.
Denn das Sichtbare ist vergänglich,
was man aber nicht sehen kann, ist ewig.

Struktur:

außen  -> vergeht
das Sichtbare -> vergänglich
die leichte Last der Probleme

vs.

die Fülle der Herrlichkeit
das Unsichtbare -> ewig
innen -> wird erneuert

These:

Glauben/Religion haben bedeutet, zu unterscheiden.
Wie wäre dann das Spezifische dieser Unterscheidung im Gegensatz zu anderen Unterscheidungen zu bestimmen?

Aus den Reaktionen auf meinen Blogpost auf Twitter, vor allem denen von @RolfTodesco:

habe ich erkannt, dass das, was mich „getriggert“ hat, der erste Satz des Wikipediaartikels über die LoF war: „Der Ausgangspunkt von Spencer-Brown ist die logische Form der Unterscheidung.“ Ich habe festgestellt, dass Paulus Unterscheidungen vornimmt und gedacht, sie ließen sich mit Spencer-Browns Regeln analysieren. Dann habe ich gelernt, dass die Art, wie ich diese Regeln anwenden wollte, eigentlich von Luhmann stammt:

Weitergebracht hat mich die Frage, was das Spezifische der religiösen Unterscheidung ist, und das ist der Rekurs auf die Schrift als Kriterium (in der Form des Kanons sogar in doppelter Weise!). Was dann dieser Versuch konkret „gefruchtet“ hat ist die Erkenntnis, dass der Glaube eine Technik, eine Methode, ist.

Diese Predigt ist dabei herausgekommen.

Predigt am Karfreitag, 30. März 2018, über Hebräer 9,15.26b-28:

Jesus ist der Vermittler eines neuen Bundes,
damit die zum ewigen Erbe Berufenen die Verheißung empfangen.
Dazu musste Jesus sterben,
um von den zur Zeit des ersten Bundes begangenen Übertretungen zu befreien.
Jetzt aber ist er einmal am Ende der Zeiten erschienen,
um durch das Opfer seiner selbst die Sünden unwirksam zu machen.
Und wie es den Menschen bestimmt ist,
einmal zu sterben, und danach kommt das Gericht,
so ist auch Christus einmal dargebracht worden,
um die Sünden der Vielen zu tragen.
Zum zweiten Mal wird er ohne Sünde denen erscheinen,
die ihn zu ihrer Rettung erwarten.

(eigene Übersetzung)

 

Gliederung der Predigt:

  1. Einleitung:
    Wie bekommt man einen Job?
    – man kann sich bewerben,
    besser: man wird gefragt – passiert leider selten
    => Vermittler hilft: „Vitamin B“
  2. Wie bekommt man einen Job bei Gott (wie kommt man an Gott heran)?
    Problem: deus absconditus
    => Vermittler, der Gott gesehen hat (kennt) -> Gottes Sohn (wer sollte Gott besser kennen?)
  3. Warum muss der Vermittler sterben?
    Wir sind nicht qualifiziert,
    Gutes und Böses sind in uns untrennbar vermischt -> so kann Gott uns nicht gebrauchen.
  4. Trennung (Unterscheidung) ist schöpferisches Handeln Gottes (Gen 1),
    aber wenn Gott das Böse von uns abtrennt,
    sind wir nicht mehr wir selbst (keine Menschen mehr) -> so kann Gott uns auch nicht gebrauchen
  5. Dilemma: Wie können wir gut sein und zugleich Mensch (= wir selbst) bleiben?
    Lösung: Jesus macht die Sünde (= das Böse in uns) unwirksam
  6. Was ist die Wirkung der Sünde?
    Trennung von Gott und den Mitmenschen
    – keine schöpferische Trennung, sondern Zerstörung von Beziehungen
    („das Tischtuch ist zerschnitten“)
  7. Wie überwindet Jesus die Trennung?
    Er opfert sich für unsere Beziehung zu Gott
    -> schrecklicher Gedanke:
    Partner*innen, Kinder opfern sich, um Beziehung zu retten, mit fatalen Folgen
  8. Parallele: Jesus ist genauso ohnmächtig wie Kinder, Partner
    Unterschied: Jesus überlebt das Opfer => es gibt einen neuen Anfang in der Beziehung, und zwar Jetzt = jederzeit
  9. Fazit:
    Gott kann und will uns einen Job geben („uns brauchen“):
    Wir sollen von der Heilung der Beziehung erzählen,
    damit es für die, die hören, ein Jetzt gibt.

 

Hintergedanken

Predigtidee:

Ich bin am μεσίτης, dem „Mittler“, hängen geblieben und fragte mich, was die Rolle einer „Mittlers“ in heutiger Zeit sein könnte, mit deren Hilfe man verstehen könnte, was Jesus „vermittelt“. Dadurch bin ich auf die Jobsuche gekommen und die „connections“, das „Vitamin B“, das man benötigt, um an die begehrte Stelle zu gelangen. Mir gefällt die Ambivalenz des Vermittlers, weil das schon zur menschlichen Verfasstheit überleitet, die gut und böse zugleich ist.

Predigtaufbau:

Die Predigt ist im Grunde eine Homilie, nur, dass ich den Text nicht Vers für Vers abarbeite. Ich habe auch den Kontext VV 16-26a mit aufgenommen, besonders Vers 24, wo Jesus als unser Anwalt vor Gott beschrieben wird – eine andere Facette des Vermittlers.

Der Übergang von der Einleitung zum ersten Gedanken ist natürlich die Berufung, ohne dass ich sie explizit ausspreche. Unser „Job“, unser Beruf bei Gott = Berufung, die für uns Christen über Christus erfolgt als Ruf in die Nachfolge – darum ist er der Jobvermittler. Den Gedanken, dass der (Ver)Mittler sterben muss, finde ich aufregend, denn im Berufsleben sind die Vermittler die Mächtigen, die die Fäden ziehen, Gefälligkeiten erweisen und wieder einfordern. Darum ist es gefährlich, einen Job über „Vitamin B“ zu bekommen. Und darum ist Jesus ein ehrlicher Makler, weil er seine eigene Haut zu Markte trägt.

Ich habe versucht, diesen heiklen Punkt des „Vitamin B“ durch die Vermischung von Gut und Böse im Menschen auszuführen. Dahinter steckt natürlich paulinisches Denken von sarkischem und pneumatischem Menschen, die bei ihm ja keinen Dualismus bilden, sondern eben diese untrennbare Einheit darstellen, die uns Menschen ausmacht, weshalb wir „Christus anziehen“ müssen. Aber das ist natürlich nicht Theologie des Hebr.

Ich freue mich über den Gedanken der Trennung und die Unterscheidung zwischen der göttlich-schöpferischen Trennung, die Lebensraum schafft, und der menschlich-allzu menschlichen Trennung, die Leben einschränkt und be- bzw. verhindert. Er beschreibt m.E. gut, was „Sünde“ bedeutet. Wenn Jesus die Sünde unwirksam macht, hebt er die Trennung auf – aber wie macht er das? Hier ist der Ort für die Kreuzestheologie, und hier war auch die Frage, wie ausführlich dieser Abschnitt geraten kann und soll. Der Hebr löst das Problem mit der Bundestheologie, die er in seine Zeit unter Rückgriff auf das Erbrecht auslegt. Ich habe die theologia crucis um der Verständlichkeit (und der Länge der Predigt) willen extrem verkürzt mit dem Bild der Liebe dargestellt, die sich nicht unterkriegen lässt, und dabei auch das aktuelle Beispiel der Schülerproteste in den USA eingeführt, weil einem daran unmittelbar Ohnmacht wie Macht der Liebe deutlich werden.

Der Predigttitel ist mir erst am Ende eingefallen, als ich den Satz schrieb, dass wir „im Auftrag des Herrn unterwegs“ sind. Da war klar, dass der Titel für den Blog das Originalzitat aus den Blues Brothers sein musste.

 

Hier die fertige Predigt.

Begrüßung

Herzlich willkommen zum Gottesdienst am Sonntag Lätare.
Lätare, „freut euch“ – ja, darf man das denn?
Ist es nicht pietätlos, in dieser Zeit, in der wir an das Leiden und Sterben Jesu denken, zur Freude aufzurufen?
Der Sonntag Lätare hält fest,
dass es auch in dunklen Stunden,
in Zeiten des Schmerzes, der Trauer, des Verlustes
immer wieder Lichtblicke gibt.
Und der Sonntag Lätare hält daran fest,
dass es Jesus ist, der uns Grund zur Freude gibt
und die Erlaubnis, uns zu freuen, zu lachen,
auch wenn uns eigentlich zum Weinen ist.
Davon werden wir in diesem Gottesdienst hören.

Eingangsgebet

Herr, unser Gott,
dein Sohn Jesus Christus kam als Licht in die Dunkelheit der Welt.
Seine Mitmenschen haben dieses Licht nicht ertragen
und wollten es zum Verlöschen bringen.
Du aber hast es vor dem Vergehen bewahrt,
dass es in uns leuchten und uns erleuchten kann.

Dafür danken wir dir und bitten dich:
Lass dieses Licht Christi
von unserem Angesicht strahlen
und durch das, was wir tun, verbreitet werden,
damit es denen, die im Dunkel sitzen,
hell wird und auch sie das Licht und die Freude haben.

Das bitten wir dich durch Jesus Christus,
der das Licht der Welt ist,
der sein Leben verzehrte wie eine Kerze
und jetzt umso mächtiger strahlt
in der Gemeinschaft mit dir und dem Heiligen Geist
von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus,
in dir ist Freude in allem Leide.
Wir bitten dich um Freude für unsere Kirche,

dass sie nicht die Hoffnung verliert
angesichts des Mangels an Geld, an Mitarbeitenden,
an Menschen, die sich engagieren,
sondern dankbar und freudig erkennt,
wo etwas wächst,
und dass sie dieses zarte Pflänzchen nicht mit Regeln und Strukturen erstickt, sondern ihm Raum gibt, zu werden, was es will.

Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.

Herr Jesus Christus,
in dir ist Freude in allem Leide.
Wir bitten dich um Freude für unser Land,

dass wir erkennen,
in welchem Reichtum, welcher Freiheit und welchem Glück wir leben dürfen,
anstatt uns mit anderen zu vergleichen,
die mehr oder Besseres haben als wir;

dass aber auch die, die nur das Nötigste zum Leben haben,
nicht auch noch mit anderen um diese Brosamen streiten müssen.
Gib, dass jeder Mensch genug bekommt,
um in Würde und Gesundheit leben zu können.

Wir rufen zu dir:
Herr, erbarme dich.

Herr Jesus Christus,
in dir ist Freude in allem Leide.
Wir bitten dich um Freude auch für uns.

Lass uns wir lernen,
dass ein halb leeres Glas zugleich immer auch halb voll ist,
und dass das, was wir haben, womöglich ausreicht.

Schenke uns immer wieder Lichtblicke,
wenn wir Kummer haben, krank sind oder einsam
durch Menschen, die unsere Lage sehen,
sich zu uns aufmachen und uns einen Schein des Lichtes bringen,
das du bist.

Wir rufen zu dir:
Herr, erbarme dich.

Vater unser

Epiktet, Diatriben Buch I, Kapitel 18:
Dass man sich über Leute, die Fehler machen, nicht zu ärgern braucht.

[1] Wenn es wahr ist, was die Philosophen sagen, dass alle Menschen einen Anfangspunkt gemein haben, nämlich die Erfahrung: wie man zustimmt, wenn man erfährt, dass es sich so verhält und etwas verneint, wenn man erfährt, dass es sich nicht so verhält und, bei Gott!, sich zurückhält, wenn man erfährt, dass etwas unsicher ist. [2] So erstrebt man auch etwas, wenn man erfährt, dass es mir nutzt. Aber es ist unmöglich, eines interessant zu finden und ein anderes zu begehren, oder eines als Pflicht zu erkennen, aber ein anderes in Angriff zu nehmen. Warum ärgern wir uns dann noch über die Vielen? [3] – Diebe, sagt einer, sind sie, und Betrüger. – Was ist ein Dieb und Betrüger? Es sind Leute, die sich über Gut und Böse geirrt haben. [4] Muss man sich also über sie ärgern, oder mit ihnen Mitleid haben? Aber zeige ihnen ihren Irrtum auf, und du wirst sehen, wie sie von ihren Fehlern Abstand nehmen. Wenn sie aber keine Einsicht zeigen, haben sie keinen Standpunkt außerhalb ihrer Meinung erlangt.
[5] Muss man diesen Piraten und diesen Ehebrecher nicht umbringen? [6] – Keineswegs, sondern frage dich eher: „Muss nicht der umgebracht werden, der sich irrte und völlig über die wichtigsten Angelegenheiten täuschte; der blind ist nicht in Bezug auf das Sehen, das zwischen Weiß und Schwarz unterscheidet, sondern in Bezug auf die Erkenntnis, die zwischen Gut und Böse unterscheidet?“ Und wenn du so sprichst, erkenne [7], wie unmenschlich das ist, was du sagst und dass du ebensogut sagen könntest: „Muss man nicht den Blinden umbringen und den Tauben?“ [8] Wenn nämlich der Verlust der wichtigsten Dinge der größte Schaden ist, das wichtigste bei jedem aber die Überzeugung ist, nach der man handelt, und jemand dessen beraubt ist, was ärgerst du dich über ihn? [9] Mensch, wenn du schon widernatürlich von anderer Leute Schlechtigkeiten aufgebracht wirst, bemitleide ihn lieber, als ihn zu hassen. Unterdrücke deine Neigung zum Anstoßnehmen und zum Hassen. [10] Trage nicht diese Reden vor, die die Menge der Kritiker im Munde führt: „Diese verfluchten und verruchten Trottel!“ [11] Sei’s drum. Wie bist du doch plötzlich weise geworden, dass dir andere Trottel zuwider sind? Warum ärgern wir uns denn? Weil wir das Material wichtig nehmen, dessen wir beraubt werden. Sobald du also deine Kleidung nicht wichtig nimmst, ärgerst du dich auch nicht über den Dieb. Nimm die Schönheit der Frau nicht so wichtig, und du ärgerst dich nicht über den Ehebrecher. [12] Erkenne, dass ein Dieb und ein Ehebrecher keinen Platz haben in den Dingen, die dein sind, sondern in fremden Dingen und dem, was nicht in deiner Macht steht. Lässt du diese Dinge und hältst sie für nichts, über wen ärgerst du dich dann noch? Solange du aber diese wichtig nimmst, ärgere dich eher über dich als über jene Diebe. [13] Überlege dir: Du besitzt schöne Kleidung, dein Nachbar nicht. Du besitzt eine Tür und willst die Kleidung lüften. Jener Nachbar weiß nicht, was das Gute im Menschen ist, sondern bildet sich ein, es sei der Besitz schöner Kleidung, [14] was auch du dir einbildest. Wird er folglich nicht kommen und sie nehmen? Aber wenn du Leckermäulern einen Kuchen zeigst, um ihn allein zu verschlingen, willst du dann nicht, dass sie ihn sich schnappen? Reize sie nicht, besitze keine Tür, lüfte nicht deine Kleidung.
[15] Auch ich hatte jüngst noch einen eisernen Leuchter, der stand neben den Hausgöttern, als ich bei der Tür ein Geräusch hörte und hinlief. Ich fand den Leuchter als einen Gestohlenen vor. Ich überlegte, dass der Dieb nichts Ungehöriges empfunden hat. Was folgt daraus? [16] Morgen, sag ich, wirst du einen irdenen Leuchter finden. Denn man verliert nur das, was man besitzt. „Ich habe meine Jacke verloren!“ – Ja, du hattest eine Jacke. „Ich habe Kopfschmerzen!“ – Du hast doch nicht etwa Schmerzen in den Hörnern? Denn diese Verluste, diese Schmerzen kommen nur vom Eigentum.
[17] „Aber der Tyrann wird fesseln …“ – wen? Das Bein. „Aber er wird abschneiden …“ – was? Den Nacken. Was wird er folglich weder fesseln noch abschneiden können? Die Überzeugung. Darum rieten die Altvorderen: Erkenne dich selbst! [18] Was folgt daraus? Dass man, bei den Göttern!, sich um die kleinen Dinge bemühen muss und von jenen beginnend fortschreiten muss zu den größeren. [19] „Ich habe Kopfschmerzen!“ – Sag nicht: „Oh weh!“. „Ich habe Öhrchenschmerzen!“ – Sag nicht: „Oh weh!“. Und ich sage damit nicht, dass man nicht seufzen darf. Aber innerlich sollst du nicht seufzen. Auch sollst du nicht schreien und das Gesicht verziehen und sagen: „Alle hassen mich!“, wenn der Diener den Verband zu langsam bringt. Wer würde so jemanden nicht hassen? [20] In Zukunft lebe richtig, im Vertrauen auf diese Grundsätze, aufrecht und frei, und vertraue nicht auf die Größe des Körpers wie ein Athlet. Denn man braucht nicht wie ein Esel unbesiegbar zu sein.
[21] Wer also ist unbesiegbar? Wen nichts Unvorhergesehenes aus der Fassung bringt. Also betrachte ich im Folgenden jeden der Umstände und nehme ihn durch wie beim Athleten. „Dieser Athlet erzwang den Sieg in der ersten Disziplin. Was wird in der zweiten sein? Was, wenn es Hitze gibt? Was in Olympia?“ Und hier ist es dasselbe: Wenn du ihm ein Silbermünzlein hinwirfst, wird er es ignorieren. Was aber, wenn es ein Mädchen ist? Was, wenn es dunkel ist [= wenn es niemand sieht]? Was, wenn es eine kleine Ehre ist? Was, wenn es eine Kränkung ist? Was, wenn es ein Lob ist? Was, wenn es der Tod ist? [23] Er kann über all das siegen. Was, wenn es brütend heiß wäre, das meint: Was, wenn er betrunken wäre? Was, wenn er depressiv wäre? Was, wenn er schläft? So einer ist für mich ein unbesiegbarer Athlet.

Überlegungen zum Predigttext der Reihe IV am 1. Advent, Offenbarung 5,1-14

Vorüberlegungen
(Kommentar: Müller, Ulrich, Die Offenbarung des Johannes, ÖTK 19, Gütersloh, 1984)
Die Offenbarung wendet sich an Christen in einer Verfolgunssituation. Was der Seher Johannes schaut, ist für sie nicht Drohung, sondern gibt ihnen Hoffnung und macht ihnen Mut. Daher die Tränen des Sehers, dass die Endzeit, die ihnen Erlösung und Gerechtigkeit verschaffen wird, nicht in Gang gesetzt wird (durch das Öffnen/ Lesen des Buches).
Die Thronsaalszene knüpft an Jes 6 an; das innen und hinten beschriebene Buch an Ez 2. Im Apparat zur Stelle findet man den Hinweis auf Handschriften, die den Text entweder nach „innen und außen“ oder „vorn und hinten“ korrigieren; „innen und hinten“ ist die ursprüngliche Lesart (mit den besten Textzeugen). Es handelt sich nicht um eine antike Urkunde, ein gefaltetes, gesiegeltes Blatt, dessen Inhalt auf der Außenseite wiedergegeben ist und die durch Erbrechen des Siegels in Kraft gesetzt wird.
Die Hörner des Lammes stehen für Macht; die Sieben ist eine Vollzahl.
Das Lamm sieht aus „wie geschächtet“. Das Schächten ist ein ritueller jüdischer (und muslimischer) Schlachtbrauch, bei dem mit einem scharfen Messer die Halsschlagader des Tieres durchtrennt wird, sodass es vollständig ausbluten kann. Das Lamm trägt also einen (blutigen) Schnitt am Hals.

Übersetzung:
Ich sah: In der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, war ein Buch, beschrieben von innen und von hinten, das war mit sieben Siegeln versiegelt.
Und ich sah: Ein mächtiger Engel verkündete mit gewaltiger Stimme:
– Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und seine Siegel zu brechen?
Aber niemand im Himmel noch auf der Erde noch unter der Erde konnte das Buch öffnen oder gar hineinsehen. Da weinte ich sehr, weil sich niemand würdig fand, das Buch zu öffnen oder gar hineinzusehen. Aber einer der Ältesten sprach zu mir:
– Weine nicht! Du weißt doch, der „Löwe aus dem Stamm Juda“, die „Wurzel Davids“ hat gesiegt und kann das Buch öffnen und seine sieben Siegel.
Und ich sah: Mitten zwischen dem Thron, den vier Tieren und den Ältesten stand ein Lamm, das sah aus wie geschächtet. Es hatte sieben Hörner und sieben Augen – das sind die sieben Geister Gottes, die er über die ganze Welt sendet. Und es kam und nahm es aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron sitzt. Als es das Buch genommen hatte, fielen die vier Tiere und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm. Jeder hatte eine Laute und goldene Schalen, die mit Räucherwerk gefüllt waren – das sind die Gebete der Heiligen. Und sie sangen ein neues Lied:
– Würdig bist du, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu brechen, weil du geschächtet bist und hast Gott mit deinem Blut aus jedem Volksstamm, jeder Sprache, jeder Nation und jeder Volksgruppe Menschen freigekauft. Du hast sie unserem Gott zum Königtum und zu Priestern gemacht,  und sie werden über die Erde herrschen.
Und ich sah: Ich hörte die Stimme vieler Engel rings um den Thron, und die Stimmen der Tiere und der Ältesten, und ihre Zahl war Myriaden über Myriaden und Tausend mal Tausend. Sie riefen mit gewaltiger Stimme:
– Würdig ist das Lamm, das geschächtet wurde, an sich zu nehmen die Macht und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf im Himmel und auf der Erde und unter der Erde und auf dem Wasser und alles, was in ihm ist, hörte ich singen:
– Dem, der auf dem Thron sitzt und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Und die vier Tiere sprachen: Amen. Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.
Gliederung der Predigt:
I. Ein Buch, das man nicht lesen kann – ist das überhaupt ein Buch?
Warum weint der Seher?
Bücher, die wir unbedingt lesen wollen:
– das Tagebuch einer anderen
– Kalender/ Notizbuch einer anderen -> uns treibt die Neugier
Der Seher will, dass etwas in Gang gesetzt wird.
Giwi Margwelaschwili: Die Leserin macht eine Geschichte lebendig, setzt Ereignisse in Gang

II. a) Das Buch mit den 7 Siegeln darf nur einer lesen.
Weil er damit etwas in Gang setzt, das erst am Ende der Zeiten geschieht:
das Endgericht
=> Die Gerechten erfahren Gerechtigkeit (das Theodizeeproblem wird gelöst)
=> Die Bitten der Heiligen werden erfüllt (das Problem der Gebetserfüllung wird gelöst)
Warum erst am Ende der Zeiten Gerechtigkeit?
Warum erst am Ende der Zeiten die Erfüllung der Bitten?
Warum herrschen die Christ*innen erst am Ende der Zeiten?

b) Totalitäre Systeme wollen das Ende vor dem Ende.
Der Kommunismus wollte Gerechtigkeit für die Ausgebeuteten durchsetzen.
Der Faschismus wollte Gerechtigkeit für die, die sich benachteiligt/ abgehängt fühlten (darum ist er so interessant und gefährlich für die Anhänger von PEGIDA/ AfD).
Der Terrorismus will Gerechtigkeit für eine bestimmte Gruppe.
Das Ende ist schrecklich (und wird von der Offenbarung auch so beschrieben), weil in dieser Welt Gerechtigkeit nur mit Gewalt durchzusetzen ist.
Die Ungerechten werden (mit allen Mitteln) gestoppt.
Stop bedeutet: Keine Veränderung ist mehr möglich.
Daher das Jesuswort:„Versöhne dich mit deinem Gegner, solange du mit ihm auf dem Weg bist“ (Matthäus 5,25).
=> Gerechtigkeit ist keine abstrakte Größe,sondern die Basis einer Beziehung

c) Deshalb darf nur das Lamm das Buch lesen,weil es nicht Rache will,
(Rache = Gerechtigkeit als Restitution eines früheren status quo)
sondern sich für alle geopfert hat.
(Opfer = Möglichkeit zum Neuanfang, weil die Bilanz ausgeglichen ist und weil der „Wert“ (Anselm v. Canterbury!) des freiwilligen Opfers alle Ansprüche etc. derart weit übersteigt, dass eine Restitution nicht mehr infrage kommt)
=> Ein neues Level der Beziehung ist erreicht.
Justitia ist blind, aber Gerechtigkeit ist parteiisch mit den Schwachen.
Gottes Gerechtigkeit ist barmherzig mit den Schwachen.
Gottes Gerechtigkeit gibt es erst in einem neuen Himmel, einer neuen Erde.
Dort werden die Letzten die Ersten, die Ersten die Letzten sein (wer ist dann der Schwache?)

III. Advent ist der Anbruch der besseren Gerechtigkeit Gottes
noch ist sie nicht da                  )
Wünsche erfüllen sich nicht   ) Das wäre in jeder Hinsicht das Ende
Christ*innen herrschen nicht )
Das eine Buch bleibt verschlossen, aber das andere Buch = die Bibel wird gelesen.
Durch uns werden die bibl. Geschichten lebendig.
Indem sie wir lesen, ist Gottes Neue Welt da, ist das Reich Gottes nahe herbeigekommen.

IV. Paulus: Ihr seid ein Brief/ Empfehlungsschreiben (2.Kor 3,2)
Nicht nur Bücher werden gelesen.
Man kann an Menschen ablesen, woran sie glauben.
Wenn das Reich Gottes uns berührt, reflektieren wir es.
Die Leser*in erweckt Geschichten zum Leben und wird selbst von ihnen bewegt/ verändert.

V. Damit ein Buch gelesen werden kann, muss es geöffnet werden.Damit Geschichten lebendig werden, braucht es Leser*innen.
Am 1. Advent beginnt die Geschichte wieder einmal neu.
Lesen wir sie, damit unsere Welt ein gutes Ende nimmt.

Ein Übersetzungsversuch

Jesus sprach zu den Jüngern:
Es war ein reicher Mann, der hatte einen Manager. Diesen bezichtigte man bei ihm, er verschwende sein Vermögen. Er rief ihn herbei und sprach zu ihm:
– Was hat es mit dem auf sich, was ich über dich höre? Lege Rechenschaft ab über deine Buchführung, denn du kannst nicht mehr mein Manager sein.
Der Manager sagte sich:
– Was soll ich machen, wenn der Herr mir die Verwaltung wegnimmt? Mit den Händen arbeiten kann ich nicht, zu betteln schäme ich mich. Ich weiß, was ich tue, damit sie mich gastlich in ihren Häusern aufnehmen, wenn ich von der Verwaltung abgesetzt bin!
Und er bestellte jeden einzelnen Schuldner des Herrn zu sich. Zu dem erstem sprach er:
– Wieviel schuldest du meinem Herrn?
Er antwortete:
– Hundert Bat Öl.
Er sprach zu ihm:
– Nimm deinen Schuldschein, setz dich gleich hin und schreibe: Fünfzig.
Dann fragte er einen anderen:
– Du, wieviel schuldest du?
Er antwortete:
– Hundert Kor Weizen.
Sagt er zu ihm:
– Nimm deinen Schuldschein und schreibe: Achtzig.
Jesus lobte den ungerechten Manager, weil er klug gehandelt hatte:
– Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. Ich sage euch: Schafft euch Freunde mit dem ungerechten Besitz, damit, wenn er zu Ende ist, sie euch in die ewigen Behausungen aufnehmen.

Exegetische Entscheidungen:

Der κυριος Vers 8 ist Jesus (so auch die Kommentare).
Das folgende οτι fasse ich als οτι citativum auf, das eine wörtliche Rede einleitet.

Auslegung

IMHO muss man die Perikope im Kontext des 16. Kapitels auslegen, das durch das Gleichnis vom Reichen Mann und armen Lazarus abgeschlossen wird. In beiden Gleichnissen geht es um die Bedingung der Aufnahme in das Reich Gottes, in das „jeder hineindrängt“ (V. 16b).
Die Perikope erschließt sich von Vers 9 (und dem Thema des Vorletzten Sonntags des Kirchenjahres) her, der Frage:
Wie kommt man in den Himmel?
Das Gleichnis antwortet:
Durch Großzügigkeit, die ökonomisch als Verschwendung gewertet wird.

Die Klugheit des Verwalters besteht in seiner Großzügigkeit, die ihm nach Verlust seiner Anstellung ein Auskommen sichert, weil sie die seinem Herrn verpflichteten Schuldner auch ihm gegenüber durch Dankbarkeit verpflichtet.
Entsprechend liegt der Skopus des Gleichnisses auf der Ökonomie: Auf dem „rechten“, d.h. für Christinnen angemessenen Verhältnis zum Besitz (Mammon).

Christinnen können sich nicht so aus der Affäre ziehen wie der Verwalter, weil sie der Tora verpflichtet sind (VV. 10-12.16-18, Schluss des Gleichnisses V. 29). Diese Verpflichtung ist eine Verpflichtung zur Treue „im Geringsten“, aber auch zur Treue gegenüber der Geringsten (Mt 25,40b = den Armen, entsprechend werden die Pharisäer V. 15 wegen ihres Hochmuts/ ihrer falschen Werte getadelt). Christinnen sollen als „Kinder des Lichts“ den „Kindern dieser Welt“ gegenüberstehen.
Für die Christinnen ist der Besitz (Mammon) kein Wert an sich (Luther: „Woran du dein Herz hängst, das ist recht eigentlich dein Gott“), sondern Mittel zum Zweck: Freunde gewinnen (V. 9).
Dahinter steht die Vorstellung, die das Gleichnis vom armen Lazarus ausmalt: Der Zugang zum Reich Gottes hängt für die Reichen von den Taten ab, konkret: Von der Wahrnehmung der Not ihrer Mitmenschen. Während Lazarus in den Himmel kommt, weil er gelitten hat, wäre der Reiche nur hineingekommen, wenn er großzügig gewesen wäre (vgl. Lukas 18,18-27, Kamel und Nadelöhr, und Apg 5,1-11, Hananias und Saphira).

Das Gleichnis hat keine moralische Absicht. Der Skopus liegt in der Größzügigkeit = Verschwendung (vgl. Matthäus 6,3: Großzügigkeit beim Almosengeben). Adressaten sind besitzende Christinnen, denn es wird VV 10-12 eingeschärft, dass es für Christinnen nicht angeht, fremden Besitz zu verschwenden.

Ein Predigtanfang könnte sein, mit dem Nachdenken über Geldanlagen einzusteigen. In Zeiten, in denen es keine Zinsen auf Sparguthaben mehr gibt, wie lege ich da mein Geld am besten an?
An dieser Frage könnte sowohl die Einstellung zum Besitz als auch der verschwenderische Umgang damit als paradoxe Wertschöpfung dargestellt werden.

Hier geht’s zur Predigt, die daraus entstanden ist.

Gedanken zu einer Predigt über Lukas 11,14-23:

Hier, auf Wunsch, das Transkript:

Kann man stärker sein als der Teufel?

Luther -> Tintenfass | Wartburg
Was ist das für ein Teufel,
den man mit einem Tintenfass* in | * Ein Wörtlein kann ihn fällen (EG 362,3)
die Flucht treiben kann?
|
Plagegeist?
|
Widerspricht den Vorstellungen vom +
Ängsten der Menschen vor d. Teufel
als einer Macht

I. In d. Bibel
Satan = Widersacher Bsp. Jesus
διαβολος = Ankläger Bsp. Hiob
„es kann der Beste nicht in Frieden leben,
wenn’s seinem bösen Nachbarn nicht gefällt”
|
d. Teufel ist/hat keine eigene Macht
sondern versucht                         |
Menschen anzuklagen*           „dunkle Seite der Macht”
und ihnen dadurch zu schaden                                              | * vor wem? Gewissen?
|
Selbstanklage/
Selbstverdammung
|

Freud: Über-Ich

II. These: Der Mensch ist nicht autonom
Er wird von etwas geritten
– Gott oder … => Bibel nennt sie δαιμονια* (urspr. griech. positiv!) | * δαιμων = 1. θεος
|                                                              2. göttl. Wesen ->
„Gottfunktionen“                                             Geschick, Verhängnis
το δαιμονιον = Gottheit,
bes. Genius: der Schutzgeist
δαιμονιος – 1. von e. Dämon besessen -> unbegreiflich, ver-rückt
2. göttlich, übernatürlich, außerordentlich

Erweiterung der These:
III. Der Mensch kann nicht ohne einen (Gott) Reiter sein.

Frage: Wer/ was reitet mich?
jemand, der Gutes für mich will?
Über-Ich – Ich – Es                                 Ambivalenz: Das Verrückte/ unbegreifliche
jemand, der mir schaden will?        ist zugleich das Außerordentliche/
|                                                                Wunderbare
Bibel: Stummheit
=> der Stumme kann nicht „Ich” sagen
„wie ein Schaf (Lamm), das vor seinem Scherer verstummt” (Jesaja 53,7 =
Acta 8,32)


[Was sind unsere Dämonen?
z.B. Leistung
=> ich kann keine Schwäche zulassen/ zeigen
ich muss immer mehr/ besser werden/ haben/ sein
ich darf keine Fehler machen
|

Sünde]

der Glaube an Jesus
Jesus treibt den Dämon aus            |
Vorwurf: Er treibt ihn mit dem Teufel aus
=> Austreibung des Übels durch etwas Schlimmeres


[z.B. Dämon der Gier
=> ich kenne keine Grenzen
ich muss immer mehr haben
ich verwechsle seelische Bedürfnisse mit physischen
|
wird ausgetrieben durch den Dämon der Leistung -> Sport]


Was macht Jesus?

Freud:   „Wo ‚Es‘ war, soll ‚Ich’ werden“
Paulus: „Nun aber lebe nicht mehr ‚Ich’, sondern Christus lebt in mir.“
|
Jesus vertreibt das Über-Ich und setzt an seine Stelle den gnädigen Gott
(Good Will Hunting, Schlüsselszene: „Du kannst nichts dafür”)

IV. Der Teufel steckt nicht im Detail, sondern in uns selbst:
die Maßstäbe, die wir ungeprüft übernehmen u. an uns selbst anlegen.


Der Teufel, der Luther auf der Wartburg heimsuchte, waren die Maßstäbe/ Regeln seiner Vergangenheit
-> Bruch des Mönchsgelübdes
-> Bruch mit der allein selig machenden Kirche

Tintenfass = Regeln sind Papier, nicht unverrückbar
|
Übersetung des NT:
Suche nach d. neuen Weg
->Barmherzigkeit Gottes

V. Luther hat die Teufel nicht alle austreiben können
-> Antisemitismus
|
Er hat die Barmherzigkeit vergessen, die ihn selbst rettete

=> Stärker als der Teufel ist Gottes Barmherzigkeit

pr_19nTrin_17

So sieht einer meiner „Gottesdienstbegleiter“ aus.

Ich habe viele Diskussionen um diese Zettel erlebt. Das Hauptargument gegen die Gottesdienstbegleiter war „Papierverschwendung“. In der oben gezeigten Gestaltung erhalte ich aus einer DIN A 4-Seite zwei Zettel; bei einem Gottesdienstbesuch von 20 Personen sind das 10 Blatt Papier. Ich kann diese Papiermenge verantworten, zumal ich die Zettel oft „schnell mal eben“ am eigenen Drucker ausdrucke und so der Gemeinde die Kosten für Papier und Druck erspare.

Warum benutze ich Gottesdienstbegleiter?

a) Mir ist es wichtig, dass jede* den Gottesdienst mitfeiern kann. Ich habe noch keine Gemeinde erlebt, die so liturgiesicher war, dass man auf jeden Hinweis hätte verzichten können. Dagegen erlebe ich oft, dass Gäste im Gottesdienst sind, oder dass „Neue“ kommen. Ich möchte, dass jede* genau weiß, was sie erwartet und was als nächstes kommt, gemäß des ersten der sieben „Massgeblichen Kriterien“ des Evangelischen Gottesdienstbuches (EGb), dass Gottesdienst „Sache der ganzen Gemeinde“ ist:

„Der Gottesdienst wird unter der Verantwortung und Beteiligung der ganzen Gemeinde gefeiert.“ (EGb, S. 15)

Übrigens sind auch die anderen sechs Kriterien lesens- und bedenkenswert 😉

b) Liturgie ist für mich keine Vorschrift, die man in immer gleicher Weise abarbeitet, sondern ein lebendiges Eingehen auf das und Umgehen mit dem Proprium des Sonntages. Das EGb liefert gute Beispiele, wie einzelne Elemente der Liturgie dem Anlass/ dem Anliegen des Sonntages angepasst werden können (ab S. 36, vgl. die Beispieltabellen auf S. 40 („Eröffnung und Anrufung“, S. 45 („Verkündigung und Bekenntnis“), S. 49 („Sendung und Segen“). Ich finde es wichtig, diese Möglichkeiten immer wieder zu nutzen. Dabei hilft der Gottesdienstbegleiter, weil ich so Änderungen leicht vermitteln kann, ohne dass ich den Gottesdienst mit langen Erläuterungen und Ansagen stören muss.

c) Gottesdienst ist nicht in erster und zweiter Linie, aber auch eine pädagogische Veranstaltung. Mit der Feier des Gottesdienstes „lernt“ die Gemeinde Liturgie. Dieses Lernen unterstütze ich, indem ich z.B. sehr genaue Anweisungen gebe („Wir erheben uns …“), auch wenn diese für regelmäßige Gottesdienstbesucher*innen unnötig wären.
Auf diese Weise kann man auch behutsam versuchen, eingeschliffene Fehler zu korrigieren, wenn z.B. beim Gloria in Excelsis „den Menschen ein Wohlgefallen“ gesungen wird, statt richtig „den Menschen sein Wohlgefallen“ (vgl. Lukas 2,14), wobei sein für seines Wohlgefallens steht, weshalb ich hinter sein‘ ein Apostroph setze, um die ausgefallene Genitiv-Endung zu markieren. Ein anderer, beliebter Fehler wird bei der Salutatio gemacht: Man singt „… und mit seinem Geist“ statt richtig „… und mit deinem Geist“.

d) Pädagogische Aufgabe der Liturg*in ist es, die Gemeinde mündig zu machen und sie in die Lage zu versetzen, den Gottesdienst im Prinzip selbst feiern zu können. Gerade angesichts der Pfarrstellenentwicklung ist es wichtig, der Gemeinde die Angst vor der Mitwirkung im Gottesdienst zu nehmen bzw. sie anzuleiten und zu ermutigen, den Gottesdienst selbst zu verantworten. Dazu gehört neben Lektorendiensten und der Einbeziehung der Gemeinde durch Wechselgesänge und Gebetsrufe auch der Gottesdienstbegleiter, der deutlich macht, dass Gottesdienst kein „Geheimnis“ ist und auch nicht „Chefsache“, sondern, wie es das erste massgebliche Kriterium sagt, Sache der ganzen Gemeinde.

In diesem Zusammenhang mache ich sehr gute Erfahrungen damit, dass ich das Fürbittengebet unter den Gottesdienstbesucherinnen verteile. Jede bekommt eine Bitte, die ich vorher durchnummeriert habe, und wir sprechen die Fürbitten aus den Bänken. Alternativ kann man ein Gesangbuchlied als Fürbittengebet mit der Gemeinde sprechen – viele Lieder des Evangelischen Gesangbuchs (EG) sind zugleich Gebete. Dazu eignen sich z.B.:

EG 248 Treuer Wächter Israel
EG 252 Jesu, der du bist alleine
EG 334 Danke (als Dankgebet)
EG 344 Vaterunser (Auswahl!)
EG 347 Ach bleib mit deiner Gnade
EG 404 Herr Jesu, Gnadensonne
EG 414 Lass mich, o Herr, in allen Dingen
EG 419 Hilf, Herr meines Lebens
EG 423 Herr, höre, Herr, erhöre (Auswahl!)
EG 424 Deine Hände, großer Gott
EG 425 Gib uns Frieden jeden Tag
EG 428 Komm in unsre stolze Welt
EG 430 Gib Frieden, Herr, gib Frieden

e) Zu guter letzt finde ich es unbarmherzig, wenn Liturginnen und Kirchenälteste erwarten, dass Texte wie das Glaubensbekenntnis oder das Vaterunser auswendig gekonnt werden. Ich finde auch, dass man zentrale Texte des Glaubens „by heart“ kennen sollte – aber nicht, weil man das von einer Gläubigen* so erwarten muss, sondern weil sie eben für den Glauben eine ganz zentrale Rolle spielen und durch ständiges Wiederholen gelernt und gekonnt werden. Wenn man aber diesen Maßstab an alle Gottesdienstbesucher*innen anlegt, handelt man unbarmherzig bzw. schließt jene aus, die den Glauben erst kennen lernen möchten oder die nicht so regelmäßig in den Gottesdienst kommen. Insofern halte ich eine Hilfestellung, wie sie das EG ja auch bietet (allerdings muss man sich dazu ein bisschen auskennen) theologisch für geboten. Die muss nicht durch Gottesdienstbegleiter, sondern kann z.B. auch durch Einleger im Gesangbuch erfolgen, auf denen die übliche Liturgie mit den Texten und Weisen abgedruckt ist.

Links zu den Gottesdienstbegleitern:

Gottesdienstbegleiter_Vorlage.odt – OpenOffice/LibreOffice-Dokument
Gottesdienstbegleiter_Vorlage.ott  – OpenOffice/LibreOffice-Dokumentvorlage
Gottesdienstbegleiter_Vorlage.docx – WORD-Dokument
Gottesdienstbegleiter_mitNoten.odt  – OpenOffice/LibreOffice-Dokument
Gottesdienstbegleiter_mitNoten.ott  – OpenOffice/LibreOffice-Dokumentvorlage
Gottesdienstbegleiter_mitNoten.docx  – WORD-Dokument

Schriftart: Arial
Die Noten sind aus dem bayerischen EKG eingescannt.