Überlegungen zum Predigttext der Reihe IV am 1. Advent, Offenbarung 5,1-14

Vorüberlegungen
(Kommentar: Müller, Ulrich, Die Offenbarung des Johannes, ÖTK 19, Gütersloh, 1984)
Die Offenbarung wendet sich an Christen in einer Verfolgunssituation. Was der Seher Johannes schaut, ist für sie nicht Drohung, sondern gibt ihnen Hoffnung und macht ihnen Mut. Daher die Tränen des Sehers, dass die Endzeit, die ihnen Erlösung und Gerechtigkeit verschaffen wird, nicht in Gang gesetzt wird (durch das Öffnen/ Lesen des Buches).
Die Thronsaalszene knüpft an Jes 6 an; das innen und hinten beschriebene Buch an Ez 2. Im Apparat zur Stelle findet man den Hinweis auf Handschriften, die den Text entweder nach „innen und außen“ oder „vorn und hinten“ korrigieren; „innen und hinten“ ist die ursprüngliche Lesart (mit den besten Textzeugen). Es handelt sich nicht um eine antike Urkunde, ein gefaltetes, gesiegeltes Blatt, dessen Inhalt auf der Außenseite wiedergegeben ist und die durch Erbrechen des Siegels in Kraft gesetzt wird.
Die Hörner des Lammes stehen für Macht; die Sieben ist eine Vollzahl.
Das Lamm sieht aus „wie geschächtet“. Das Schächten ist ein ritueller jüdischer (und muslimischer) Schlachtbrauch, bei dem mit einem scharfen Messer die Halsschlagader des Tieres durchtrennt wird, sodass es vollständig ausbluten kann. Das Lamm trägt also einen (blutigen) Schnitt am Hals.

Übersetzung:
Ich sah: In der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, war ein Buch, beschrieben von innen und von hinten, das war mit sieben Siegeln versiegelt.
Und ich sah: Ein mächtiger Engel verkündete mit gewaltiger Stimme:
– Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und seine Siegel zu brechen?
Aber niemand im Himmel noch auf der Erde noch unter der Erde konnte das Buch öffnen oder gar hineinsehen. Da weinte ich sehr, weil sich niemand würdig fand, das Buch zu öffnen oder gar hineinzusehen. Aber einer der Ältesten sprach zu mir:
– Weine nicht! Du weißt doch, der „Löwe aus dem Stamm Juda“, die „Wurzel Davids“ hat gesiegt und kann das Buch öffnen und seine sieben Siegel.
Und ich sah: Mitten zwischen dem Thron, den vier Tieren und den Ältesten stand ein Lamm, das sah aus wie geschächtet. Es hatte sieben Hörner und sieben Augen – das sind die sieben Geister Gottes, die er über die ganze Welt sendet. Und es kam und nahm es aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron sitzt. Als es das Buch genommen hatte, fielen die vier Tiere und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm. Jeder hatte eine Laute und goldene Schalen, die mit Räucherwerk gefüllt waren – das sind die Gebete der Heiligen. Und sie sangen ein neues Lied:
– Würdig bist du, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu brechen, weil du geschächtet bist und hast Gott mit deinem Blut aus jedem Volksstamm, jeder Sprache, jeder Nation und jeder Volksgruppe Menschen freigekauft. Du hast sie unserem Gott zum Königtum und zu Priestern gemacht,  und sie werden über die Erde herrschen.
Und ich sah: Ich hörte die Stimme vieler Engel rings um den Thron, und die Stimmen der Tiere und der Ältesten, und ihre Zahl war Myriaden über Myriaden und Tausend mal Tausend. Sie riefen mit gewaltiger Stimme:
– Würdig ist das Lamm, das geschächtet wurde, an sich zu nehmen die Macht und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf im Himmel und auf der Erde und unter der Erde und auf dem Wasser und alles, was in ihm ist, hörte ich singen:
– Dem, der auf dem Thron sitzt und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Und die vier Tiere sprachen: Amen. Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.
Gliederung der Predigt:
I. Ein Buch, das man nicht lesen kann – ist das überhaupt ein Buch?
Warum weint der Seher?
Bücher, die wir unbedingt lesen wollen:
– das Tagebuch einer anderen
– Kalender/ Notizbuch einer anderen -> uns treibt die Neugier
Der Seher will, dass etwas in Gang gesetzt wird.
Giwi Margwelaschwili: Die Leserin macht eine Geschichte lebendig, setzt Ereignisse in Gang

II. a) Das Buch mit den 7 Siegeln darf nur einer lesen.
Weil er damit etwas in Gang setzt, das erst am Ende der Zeiten geschieht:
das Endgericht
=> Die Gerechten erfahren Gerechtigkeit (das Theodizeeproblem wird gelöst)
=> Die Bitten der Heiligen werden erfüllt (das Problem der Gebetserfüllung wird gelöst)
Warum erst am Ende der Zeiten Gerechtigkeit?
Warum erst am Ende der Zeiten die Erfüllung der Bitten?
Warum herrschen die Christ*innen erst am Ende der Zeiten?

b) Totalitäre Systeme wollen das Ende vor dem Ende.
Der Kommunismus wollte Gerechtigkeit für die Ausgebeuteten durchsetzen.
Der Faschismus wollte Gerechtigkeit für die, die sich benachteiligt/ abgehängt fühlten (darum ist er so interessant und gefährlich für die Anhänger von PEGIDA/ AfD).
Der Terrorismus will Gerechtigkeit für eine bestimmte Gruppe.
Das Ende ist schrecklich (und wird von der Offenbarung auch so beschrieben), weil in dieser Welt Gerechtigkeit nur mit Gewalt durchzusetzen ist.
Die Ungerechten werden (mit allen Mitteln) gestoppt.
Stop bedeutet: Keine Veränderung ist mehr möglich.
Daher das Jesuswort:„Versöhne dich mit deinem Gegner, solange du mit ihm auf dem Weg bist“ (Matthäus 5,25).
=> Gerechtigkeit ist keine abstrakte Größe,sondern die Basis einer Beziehung

c) Deshalb darf nur das Lamm das Buch lesen,weil es nicht Rache will,
(Rache = Gerechtigkeit als Restitution eines früheren status quo)
sondern sich für alle geopfert hat.
(Opfer = Möglichkeit zum Neuanfang, weil die Bilanz ausgeglichen ist und weil der „Wert“ (Anselm v. Canterbury!) des freiwilligen Opfers alle Ansprüche etc. derart weit übersteigt, dass eine Restitution nicht mehr infrage kommt)
=> Ein neues Level der Beziehung ist erreicht.
Justitia ist blind, aber Gerechtigkeit ist parteiisch mit den Schwachen.
Gottes Gerechtigkeit ist barmherzig mit den Schwachen.
Gottes Gerechtigkeit gibt es erst in einem neuen Himmel, einer neuen Erde.
Dort werden die Letzten die Ersten, die Ersten die Letzten sein (wer ist dann der Schwache?)

III. Advent ist der Anbruch der besseren Gerechtigkeit Gottes
noch ist sie nicht da                  )
Wünsche erfüllen sich nicht   ) Das wäre in jeder Hinsicht das Ende
Christ*innen herrschen nicht )
Das eine Buch bleibt verschlossen, aber das andere Buch = die Bibel wird gelesen.
Durch uns werden die bibl. Geschichten lebendig.
Indem sie wir lesen, ist Gottes Neue Welt da, ist das Reich Gottes nahe herbeigekommen.

IV. Paulus: Ihr seid ein Brief/ Empfehlungsschreiben (2.Kor 3,2)
Nicht nur Bücher werden gelesen.
Man kann an Menschen ablesen, woran sie glauben.
Wenn das Reich Gottes uns berührt, reflektieren wir es.
Die Leser*in erweckt Geschichten zum Leben und wird selbst von ihnen bewegt/ verändert.

V. Damit ein Buch gelesen werden kann, muss es geöffnet werden.Damit Geschichten lebendig werden, braucht es Leser*innen.
Am 1. Advent beginnt die Geschichte wieder einmal neu.
Lesen wir sie, damit unsere Welt ein gutes Ende nimmt.

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Ein Übersetzungsversuch

Jesus sprach zu den Jüngern:
Es war ein reicher Mann, der hatte einen Manager. Diesen bezichtigte man bei ihm, er verschwende sein Vermögen. Er rief ihn herbei und sprach zu ihm:
– Was hat es mit dem auf sich, was ich über dich höre? Lege Rechenschaft ab über deine Buchführung, denn du kannst nicht mehr mein Manager sein.
Der Manager sagte sich:
– Was soll ich machen, wenn der Herr mir die Verwaltung wegnimmt? Mit den Händen arbeiten kann ich nicht, zu betteln schäme ich mich. Ich weiß, was ich tue, damit sie mich gastlich in ihren Häusern aufnehmen, wenn ich von der Verwaltung abgesetzt bin!
Und er bestellte jeden einzelnen Schuldner des Herrn zu sich. Zu dem erstem sprach er:
– Wieviel schuldest du meinem Herrn?
Er antwortete:
– Hundert Bat Öl.
Er sprach zu ihm:
– Nimm deinen Schuldschein, setz dich gleich hin und schreibe: Fünfzig.
Dann fragte er einen anderen:
– Du, wieviel schuldest du?
Er antwortete:
– Hundert Kor Weizen.
Sagt er zu ihm:
– Nimm deinen Schuldschein und schreibe: Achtzig.
Jesus lobte den ungerechten Manager, weil er klug gehandelt hatte:
– Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. Ich sage euch: Schafft euch Freunde mit dem ungerechten Besitz, damit, wenn er zu Ende ist, sie euch in die ewigen Behausungen aufnehmen.

Exegetische Entscheidungen:

Der κυριος Vers 8 ist Jesus (so auch die Kommentare).
Das folgende οτι fasse ich als οτι citativum auf, das eine wörtliche Rede einleitet.

Auslegung

IMHO muss man die Perikope im Kontext des 16. Kapitels auslegen, das durch das Gleichnis vom Reichen Mann und armen Lazarus abgeschlossen wird. In beiden Gleichnissen geht es um die Bedingung der Aufnahme in das Reich Gottes, in das „jeder hineindrängt“ (V. 16b).
Die Perikope erschließt sich von Vers 9 (und dem Thema des Vorletzten Sonntags des Kirchenjahres) her, der Frage:
Wie kommt man in den Himmel?
Das Gleichnis antwortet:
Durch Großzügigkeit, die ökonomisch als Verschwendung gewertet wird.

Die Klugheit des Verwalters besteht in seiner Großzügigkeit, die ihm nach Verlust seiner Anstellung ein Auskommen sichert, weil sie die seinem Herrn verpflichteten Schuldner auch ihm gegenüber durch Dankbarkeit verpflichtet.
Entsprechend liegt der Skopus des Gleichnisses auf der Ökonomie: Auf dem „rechten“, d.h. für Christinnen angemessenen Verhältnis zum Besitz (Mammon).

Christinnen können sich nicht so aus der Affäre ziehen wie der Verwalter, weil sie der Tora verpflichtet sind (VV. 10-12.16-18, Schluss des Gleichnisses V. 29). Diese Verpflichtung ist eine Verpflichtung zur Treue „im Geringsten“, aber auch zur Treue gegenüber der Geringsten (Mt 25,40b = den Armen, entsprechend werden die Pharisäer V. 15 wegen ihres Hochmuts/ ihrer falschen Werte getadelt). Christinnen sollen als „Kinder des Lichts“ den „Kindern dieser Welt“ gegenüberstehen.
Für die Christinnen ist der Besitz (Mammon) kein Wert an sich (Luther: „Woran du dein Herz hängst, das ist recht eigentlich dein Gott“), sondern Mittel zum Zweck: Freunde gewinnen (V. 9).
Dahinter steht die Vorstellung, die das Gleichnis vom armen Lazarus ausmalt: Der Zugang zum Reich Gottes hängt für die Reichen von den Taten ab, konkret: Von der Wahrnehmung der Not ihrer Mitmenschen. Während Lazarus in den Himmel kommt, weil er gelitten hat, wäre der Reiche nur hineingekommen, wenn er großzügig gewesen wäre (vgl. Lukas 18,18-27, Kamel und Nadelöhr, und Apg 5,1-11, Hananias und Saphira).

Das Gleichnis hat keine moralische Absicht. Der Skopus liegt in der Größzügigkeit = Verschwendung (vgl. Matthäus 6,3: Großzügigkeit beim Almosengeben). Adressaten sind besitzende Christinnen, denn es wird VV 10-12 eingeschärft, dass es für Christinnen nicht angeht, fremden Besitz zu verschwenden.

Ein Predigtanfang könnte sein, mit dem Nachdenken über Geldanlagen einzusteigen. In Zeiten, in denen es keine Zinsen auf Sparguthaben mehr gibt, wie lege ich da mein Geld am besten an?
An dieser Frage könnte sowohl die Einstellung zum Besitz als auch der verschwenderische Umgang damit als paradoxe Wertschöpfung dargestellt werden.

Hier geht’s zur Predigt, die daraus entstanden ist.

Gedanken zu einer Predigt über Lukas 11,14-23:

Hier, auf Wunsch, das Transkript:

Kann man stärker sein als der Teufel?

Luther -> Tintenfass | Wartburg
Was ist das für ein Teufel,
den man mit einem Tintenfass* in | * Ein Wörtlein kann ihn fällen (EG 362,3)
die Flucht treiben kann?
|
Plagegeist?
|
Widerspricht den Vorstellungen vom +
Ängsten der Menschen vor d. Teufel
als einer Macht

I. In d. Bibel
Satan = Widersacher Bsp. Jesus
διαβολος = Ankläger Bsp. Hiob
„es kann der Beste nicht in Frieden leben,
wenn’s seinem bösen Nachbarn nicht gefällt”
|
d. Teufel ist/hat keine eigene Macht
sondern versucht                         |
Menschen anzuklagen*           „dunkle Seite der Macht”
und ihnen dadurch zu schaden                                              | * vor wem? Gewissen?
|
Selbstanklage/
Selbstverdammung
|

Freud: Über-Ich

II. These: Der Mensch ist nicht autonom
Er wird von etwas geritten
– Gott oder … => Bibel nennt sie δαιμονια* (urspr. griech. positiv!) | * δαιμων = 1. θεος
|                                                              2. göttl. Wesen ->
„Gottfunktionen“                                             Geschick, Verhängnis
το δαιμονιον = Gottheit,
bes. Genius: der Schutzgeist
δαιμονιος – 1. von e. Dämon besessen -> unbegreiflich, ver-rückt
2. göttlich, übernatürlich, außerordentlich

Erweiterung der These:
III. Der Mensch kann nicht ohne einen (Gott) Reiter sein.

Frage: Wer/ was reitet mich?
jemand, der Gutes für mich will?
Über-Ich – Ich – Es                                 Ambivalenz: Das Verrückte/ unbegreifliche
jemand, der mir schaden will?        ist zugleich das Außerordentliche/
|                                                                Wunderbare
Bibel: Stummheit
=> der Stumme kann nicht „Ich” sagen
„wie ein Schaf (Lamm), das vor seinem Scherer verstummt” (Jesaja 53,7 =
Acta 8,32)


[Was sind unsere Dämonen?
z.B. Leistung
=> ich kann keine Schwäche zulassen/ zeigen
ich muss immer mehr/ besser werden/ haben/ sein
ich darf keine Fehler machen
|

Sünde]

der Glaube an Jesus
Jesus treibt den Dämon aus            |
Vorwurf: Er treibt ihn mit dem Teufel aus
=> Austreibung des Übels durch etwas Schlimmeres


[z.B. Dämon der Gier
=> ich kenne keine Grenzen
ich muss immer mehr haben
ich verwechsle seelische Bedürfnisse mit physischen
|
wird ausgetrieben durch den Dämon der Leistung -> Sport]


Was macht Jesus?

Freud:   „Wo ‚Es‘ war, soll ‚Ich’ werden“
Paulus: „Nun aber lebe nicht mehr ‚Ich’, sondern Christus lebt in mir.“
|
Jesus vertreibt das Über-Ich und setzt an seine Stelle den gnädigen Gott
(Good Will Hunting, Schlüsselszene: „Du kannst nichts dafür”)

IV. Der Teufel steckt nicht im Detail, sondern in uns selbst:
die Maßstäbe, die wir ungeprüft übernehmen u. an uns selbst anlegen.


Der Teufel, der Luther auf der Wartburg heimsuchte, waren die Maßstäbe/ Regeln seiner Vergangenheit
-> Bruch des Mönchsgelübdes
-> Bruch mit der allein selig machenden Kirche

Tintenfass = Regeln sind Papier, nicht unverrückbar
|
Übersetung des NT:
Suche nach d. neuen Weg
->Barmherzigkeit Gottes

V. Luther hat die Teufel nicht alle austreiben können
-> Antisemitismus
|
Er hat die Barmherzigkeit vergessen, die ihn selbst rettete

=> Stärker als der Teufel ist Gottes Barmherzigkeit

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So sieht einer meiner „Gottesdienstbegleiter“ aus.

Ich habe viele Diskussionen um diese Zettel erlebt. Das Hauptargument gegen die Gottesdienstbegleiter war „Papierverschwendung“. In der oben gezeigten Gestaltung erhalte ich aus einer DIN A 4-Seite zwei Zettel; bei einem Gottesdienstbesuch von 20 Personen sind das 10 Blatt Papier. Ich kann diese Papiermenge verantworten, zumal ich die Zettel oft „schnell mal eben“ am eigenen Drucker ausdrucke und so der Gemeinde die Kosten für Papier und Druck erspare.

Warum benutze ich Gottesdienstbegleiter?

a) Mir ist es wichtig, dass jede* den Gottesdienst mitfeiern kann. Ich habe noch keine Gemeinde erlebt, die so liturgiesicher war, dass man auf jeden Hinweis hätte verzichten können. Dagegen erlebe ich oft, dass Gäste im Gottesdienst sind, oder dass „Neue“ kommen. Ich möchte, dass jede* genau weiß, was sie erwartet und was als nächstes kommt, gemäß des ersten der sieben „Massgeblichen Kriterien“ des Evangelischen Gottesdienstbuches (EGb), dass Gottesdienst „Sache der ganzen Gemeinde“ ist:

„Der Gottesdienst wird unter der Verantwortung und Beteiligung der ganzen Gemeinde gefeiert.“ (EGb, S. 15)

Übrigens sind auch die anderen sechs Kriterien lesens- und bedenkenswert 😉

b) Liturgie ist für mich keine Vorschrift, die man in immer gleicher Weise abarbeitet, sondern ein lebendiges Eingehen auf das und Umgehen mit dem Proprium des Sonntages. Das EGb liefert gute Beispiele, wie einzelne Elemente der Liturgie dem Anlass/ dem Anliegen des Sonntages angepasst werden können (ab S. 36, vgl. die Beispieltabellen auf S. 40 („Eröffnung und Anrufung“, S. 45 („Verkündigung und Bekenntnis“), S. 49 („Sendung und Segen“). Ich finde es wichtig, diese Möglichkeiten immer wieder zu nutzen. Dabei hilft der Gottesdienstbegleiter, weil ich so Änderungen leicht vermitteln kann, ohne dass ich den Gottesdienst mit langen Erläuterungen und Ansagen stören muss.

c) Gottesdienst ist nicht in erster und zweiter Linie, aber auch eine pädagogische Veranstaltung. Mit der Feier des Gottesdienstes „lernt“ die Gemeinde Liturgie. Dieses Lernen unterstütze ich, indem ich z.B. sehr genaue Anweisungen gebe („Wir erheben uns …“), auch wenn diese für regelmäßige Gottesdienstbesucher*innen unnötig wären.
Auf diese Weise kann man auch behutsam versuchen, eingeschliffene Fehler zu korrigieren, wenn z.B. beim Gloria in Excelsis „den Menschen ein Wohlgefallen“ gesungen wird, statt richtig „den Menschen sein Wohlgefallen“ (vgl. Lukas 2,14), wobei sein für seines Wohlgefallens steht, weshalb ich hinter sein‘ ein Apostroph setze, um die ausgefallene Genitiv-Endung zu markieren. Ein anderer, beliebter Fehler wird bei der Salutatio gemacht: Man singt „… und mit seinem Geist“ statt richtig „… und mit deinem Geist“.

d) Pädagogische Aufgabe der Liturg*in ist es, die Gemeinde mündig zu machen und sie in die Lage zu versetzen, den Gottesdienst im Prinzip selbst feiern zu können. Gerade angesichts der Pfarrstellenentwicklung ist es wichtig, der Gemeinde die Angst vor der Mitwirkung im Gottesdienst zu nehmen bzw. sie anzuleiten und zu ermutigen, den Gottesdienst selbst zu verantworten. Dazu gehört neben Lektorendiensten und der Einbeziehung der Gemeinde durch Wechselgesänge und Gebetsrufe auch der Gottesdienstbegleiter, der deutlich macht, dass Gottesdienst kein „Geheimnis“ ist und auch nicht „Chefsache“, sondern, wie es das erste massgebliche Kriterium sagt, Sache der ganzen Gemeinde.

In diesem Zusammenhang mache ich sehr gute Erfahrungen damit, dass ich das Fürbittengebet unter den Gottesdienstbesucherinnen verteile. Jede bekommt eine Bitte, die ich vorher durchnummeriert habe, und wir sprechen die Fürbitten aus den Bänken. Alternativ kann man ein Gesangbuchlied als Fürbittengebet mit der Gemeinde sprechen – viele Lieder des Evangelischen Gesangbuchs (EG) sind zugleich Gebete. Dazu eignen sich z.B.:

EG 248 Treuer Wächter Israel
EG 252 Jesu, der du bist alleine
EG 334 Danke (als Dankgebet)
EG 344 Vaterunser (Auswahl!)
EG 347 Ach bleib mit deiner Gnade
EG 404 Herr Jesu, Gnadensonne
EG 414 Lass mich, o Herr, in allen Dingen
EG 419 Hilf, Herr meines Lebens
EG 423 Herr, höre, Herr, erhöre (Auswahl!)
EG 424 Deine Hände, großer Gott
EG 425 Gib uns Frieden jeden Tag
EG 428 Komm in unsre stolze Welt
EG 430 Gib Frieden, Herr, gib Frieden

e) Zu guter letzt finde ich es unbarmherzig, wenn Liturginnen und Kirchenälteste erwarten, dass Texte wie das Glaubensbekenntnis oder das Vaterunser auswendig gekonnt werden. Ich finde auch, dass man zentrale Texte des Glaubens „by heart“ kennen sollte – aber nicht, weil man das von einer Gläubigen* so erwarten muss, sondern weil sie eben für den Glauben eine ganz zentrale Rolle spielen und durch ständiges Wiederholen gelernt und gekonnt werden. Wenn man aber diesen Maßstab an alle Gottesdienstbesucher*innen anlegt, handelt man unbarmherzig bzw. schließt jene aus, die den Glauben erst kennen lernen möchten oder die nicht so regelmäßig in den Gottesdienst kommen. Insofern halte ich eine Hilfestellung, wie sie das EG ja auch bietet (allerdings muss man sich dazu ein bisschen auskennen) theologisch für geboten. Die muss nicht durch Gottesdienstbegleiter, sondern kann z.B. auch durch Einleger im Gesangbuch erfolgen, auf denen die übliche Liturgie mit den Texten und Weisen abgedruckt ist.

Links zu den Gottesdienstbegleitern:

Gottesdienstbegleiter_Vorlage.odt – OpenOffice/LibreOffice-Dokument
Gottesdienstbegleiter_Vorlage.ott  – OpenOffice/LibreOffice-Dokumentvorlage
Gottesdienstbegleiter_Vorlage.docx – WORD-Dokument
Gottesdienstbegleiter_mitNoten.odt  – OpenOffice/LibreOffice-Dokument
Gottesdienstbegleiter_mitNoten.ott  – OpenOffice/LibreOffice-Dokumentvorlage
Gottesdienstbegleiter_mitNoten.docx  – WORD-Dokument

Schriftart: Arial
Die Noten sind aus dem bayerischen EKG eingescannt.

Gliederung der Predigt zum 19.n.Trinitatis

Die ersten drei Schritte ergeben sich aus dem Text, incl. der Gegenrede. Die folgenden beiden Schritte führen den Gedanken der Gebotsübertretung weiter.

Im Hinterkopf habe ich „Terror“ von Ferdinand v. Schirach und einen imaginierten AfD-Anhänger.

In der fertigen Predigt habe ich die fünf Schritte auf sechs Abschnitte (plus kurze Einleitung) verteilt. Man kann sie auf bloghuette.blogspot.de nachlesen.

Sehr schöne Darstellung (mehr als eine Zusammenfassung) der Entstehung des Dogmas durch Klaus Kusanowsky

Differentia

1. Dogma
Wie sind Dogmen entstanden? (Nach Erläuterungen von Bernhard Lohse: Epochen der Dogmengeschichte. 5. Auflage Stuttgart 1983, S. 12-25.)

Dogmen waren keineswegs, entgegen der landläufigen Auffassung, unumstößliche Glaubenswahrheiten, die Vorschriften für Bekenntnis sind. Dass man das vermuten kann, hängt mit einer semantischen Veränderung des Begriffs zusammen, die sich im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts vollzogen hat, nachdem auch in der Theologie die symbolische Ordnung des Mittelalters nicht mehr anschussfähig war, was im 20. Jahrhundert dazu führte, dass auch die Theologie Dogmen abzulehnen begann. (Dazu bei Lohse, Motto: Dogmen abzulehnen heißt, sie zu verschweigen.)
Dogmen waren Reflexionsresultate der nachfolgenden Überprüfung von bereits akzeptierten Glaubensinhalten. Das bedeutet: der Glaube und damit ein Anschlusshandeln innerhalb einer religösen Ordnung hatte keine Gewissheit über eine Glaubenswahrheit zur Voraussetzung. Vielmehr war die Theologie und damit die Entwicklung ihrer Dogmen von der Annahme ausgegangen, dass es keineswegs wahrscheinlich ist, an Gott zu glauben. Die Theologie…

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